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DAS FÜHREN DER MITARBEITER: DAS VORBILD
 

„Abbas Poimen sprach: ‚Viele sind mächtig geworden, aber nur wenige spornen an.‘“ (707)

"D
ieser Ausspruch legt die Überlegung nahe, dass das Erreichen einer führenden Position nicht das alleinige Ziel sein kann. Mit einer solchen Stellung verbindet sich gleichsam die Verpflichtung, die Menschen zu motiviertem Handeln zu beflügeln und ein nachahmenswertes Vorbild zu sein."

"Ein Vorbild, das andere Menschen anspornt und bewegt, zeichnet sich vor allem durch gelebte Tugenden aus, die vorrangig das Beziehungsgeschehen im Blick haben und prägen. Die ‚Tugend‘ der Fachkompetenz kann die Sozialkompetenz nicht ersetzen. Dadurch kommt dem Komplex der Tugenden im Wirkungskreis des Führungsgeschehens eine Art Schlüsselfunktion zu. Denn innerhalb dieses Themenkreises werden die Weichen – je nach Diskussionsausgang – für die Atmosphäre in einem Unternehmen gestellt. Bei den Entscheidungsfragen im Hinblick auf die Wichtigkeit und Verwirklichung von Tugenden treffen die extremen Standpunkte oftmals aufeinander: einerseits Handlungsnotwendigkeit aufgrund äußerer wirtschaftlicher Umstände, andererseits das Führen nach ethischen und menschlichen Gesichtspunkten.

Die ‚Disziplin der Tugenden‘ stand für die Wüstenväter ganz im Zentrum ihres Denkens und Handelns. Im Gegensatz dazu müssen die Teilnehmer in den Führungsseminaren häufig erst einmal an die Begrifflichkeit dieses Fachgebietes herangeführt werden, da für viele die mit dem Wort Tugend verbundene Wirklichkeit aus dem Blickfeld geraten ist.

Zentrale Handlungsmaxime für ein tugendhaftes Führungsverhalten sind Aufrichtigkeit, Geduld, Besonnenheit, Gelassenheit, Gerechtigkeit und Mut. Die geäußerten Befürchtungen der Leitenden, wenn es darum geht, solche Werte in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen, drücken sich in erster Linie in dem Vorbehalt aus, dass sie an ihren eigenen Tugenden gemessen und bei ‚Verfehlungen‘ stärker kritisiert, wenn nicht sogar mit Zynismus bedacht werden könnten. Diese Gedanken haben durchaus ihre Berechtigung. Jedoch muss in diesem Zusammenhang zunächst darüber reflektiert werden, inwieweit eine Führungskraft Kritik am eigenen Leitungsstil grundsätzlich für sich ausschließt und erst gar nicht zulässt. Denn das Aufstellen von menschlichen Idealen hat die eigene Fehlbarkeit immer mit im Gepäck."

"In der Einsamkeit der Wüste war man auf die Korrekturen der wenigen Menschen angewiesen, denen man begegnete. Der Einzelne bat sogar darum, um sich selbst gegenüber nicht blind zu werden und letztlich nicht in eine bedrohliche Situation hineinzugeraten."

„Altvater Sisoes der Thebaner sprach zu seinem Schüler: ‚Sage mir, was du an mir siehst, und ich sage dir, was ich an dir sehe!‘ Da sagte sein Schüler zu ihm: ‚Du bist edel im Geiste, aber ein wenig rauh.‘ Und der Greis sagte zu ihm: ‚Du bist gut, aber weichlichen Sinnes.‘“ (854)

Seite 32f.

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