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Meditationsbrief

sexuelle Phantasien

Leitgedanke für die Woche

Wäre es nicht ratsam, unsere innere Brüchigkeit offenzulegen?

Aus dem Gedankengut der Wüstenväter

Evagrius Ponticus: „Zum Herrn aufgrund der Gedankenströme sexueller Begierde, die in uns in den Nächten entsetzliche Erscheinungen einblenden. Esra 9,6-7a: ‚Herr, ich schäme und scheue mich, mein Gott, mein Angesicht zu dir zu erheben, denn unsere Verstöße sind uns über den Kopf gewachsen und unsere Schuld reicht bis zum Himmel. Von den Tagen unserer Väter an sind wir in großer Schuld bis zu diesem Tage.’“*

Impuls

Bei so manchen Leidenspunkten angesichts unserer inneren ungestümen Antriebe haben wir Wege gefunden, unsere Gefühlslage in Worte zu fassen und es gelingt uns, die damit verbundenen Klagelieder immer wieder in neue Melodien zu kleiden. Jedoch bleibt der uns belagernde Trieb der Sexualität meist unbesprochen im Druckkessel unserer Sorgen. Wir bewegen uns dabei in den Koordinaten des Tabuisierten und dem Gefühl der Scham, und jede Kultur hat ihre eigenen Maßstäbe. – Sigmund Freud kommt zu der grundlegenden Ansicht: „Die Menschen sind überhaupt nicht aufrichtig in sexuellen Dingen. Sie zeigen ihre Sexualität nicht frei, sondern tragen eine dicke Oberbekleidung aus Lügengewebe zu ihrer Verhüllung, als ob es schlechtes Wetter gäbe in der Welt der Sexualität. Und sie haben nicht unrecht, Sonne und Wind sind in unserer Kulturwelt der sexuellen Betätigung wirklich nicht günstig; eigentlich kann niemand von uns seine Erotik den anderen enthüllen.“** Eine solche verschlossene Offenheit findet ihren tragischen Ausläufer in der inneren Unruhe. Thomas von Kempen gibt die folgende Beobachtung zu bedenken: „Sobald (der Mensch) ... aber seine Lust befriedigt hat, so straft ihn das Gewissen auf der Stelle und die Hand dieses Richters liegt schwer auf ihm. Denn er hat nun seine Leidenschaft befriedigt und diese Befriedigung kann nicht im geringsten ihm behilflich sein zum Frieden, den er gesucht hat. Also nicht dadurch, dass du wie ein Knecht deinen Begierden nachgibst, sondern dadurch, dass du ihnen Widerstand leistest, findest du wahren Frieden des Herzens. Kein Friede ist daher in einem Herzen, das dem Gesetze des Fleisches dient oder in äußerlichen Dingen Ruhe sucht; sondern nur in dem Menschen ist Friede, welcher dem Gesetz des Geistes dient und das heilige Feuer auf seinem Herde nicht ausgehen lässt.“***
Was machen wir nunmehr mit unseren sexuellen Phantasiegebilden, die in uns hineinbrechen und denen wir womöglich nachgefolgt sind, sodass unsere innere Unruhe bis ins Unerträgliche hineingesteigert wird? Wenn unser quälendes Gewissen bereits, wie es im Buch Esra beschrieben wird, bis an die Pforten des Himmels reicht, liegt es nahe, das Gespräch mit Gott zu führen, der uns auf keinen Fall erniedrigen wird. Da er uns geschaffen hat, weiß er um die Unbestimmtheit unseres Daseins, die aus der Schattenseite der Seele heraus ohne unsere Initiative gelenkt wird. Auf welche Weise Gott dem Einzelnen helfen wird, können wir nicht wissen. Doch unser Ziel sollte es sein, wie es uns die Religionspädagogin Liselotte Corbach nahelegt: „Herr, lass deine Wahrheit uns vor Augen stehn. Lass in deiner Klarheit Lug und Trug vergehn. Gib, dass selbstlos werde unser harter Sinn; wend ihn zur Erde, zu dem Nächsten hin.“****

Selbsterkenntnis

Viele Menschen habe ich begehrt. Vor Gott konnte ich dies benennen – vor den Menschen nicht.

Aus dem Leben der Wüstenväter

„Ein Bruder befragte sich beim Altvater Agathon wegen der Unzucht: Er erklärte: ‚Wohlan, wirf dein Unvermögen vor Gott und du wirst Ruhe finden.‘“*****

U*D*O*-*M*A*N*S*H*A*U*S*E*N

* Antirrhetikos, Sexuelle Begierde Nr. 19, übers. v. U. Manshausen a. d. Griech. n. Frankenberg, 487; Septuaginta deutsch. Das griechische AT in dt. Übers., hrsg. v. W. Kraus / M. Karrer, Stuttgart 2010, Esra (Text B); ** Sigmund Freud, Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, Fünf Vorlesungen gehalten zur 20jährigen Gründungsfeier der Clark University in Worcester Mass., September 1909, Leipzig / Wien 1910, Kindle-Edition, Position 620-630 *** Thomas von Kempen, Nachfolge Christi, Kindle-Edition, I. Buch, 6. Kap., Position 202-211 **** Liselotte Corbach (1910-2002), Gesangbuch der Ev.-reform. Kirche der deutschsprachigen Schweiz Nr. 824,1.3 Rechte: Mundorgel Verlag Köln, zitiert nach: Herrnhuter Losungen, hrsg. v. d. Ev. Brüder-Unität im Friedrich Reinhardt Verlag Lörrach / Basel, Mittwoch, 25.11.2020 ***** Weisung der Väter, übers. v. Bonifaz Miller, Trier 1986, 45

 

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