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Projekt
Götzen - Gerechtigkeit - Märtyrer
Von der unterdrückten Wahrheit

 

Götzen Gerechtigkeit Märtyrer 


Bildnachweis

Udo Manshausen

 

„Sie alle, von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, sind nur auf Gewinn aus;
vom Propheten bis zum Priester betrügen sie alle.
Den Schaden meines Volkes möchten sie leichthin heilen, indem sie sagen: Frieden! Frieden! – Aber da ist kein Friede.
Schämen müssten sie sich, weil sie Gräuel verübt haben.
Doch sie schämen sich nicht; Scham ist ihnen unbekannt.
Deshalb müssen sie mit denen fallen, die fallen.
Sobald ich sie heimsuche, werden sie stürzen, spricht der HERR.“
(Prophet Jeremia)

(Jer 6,13-15; Einheitsübersetzung)




 

Liebe Leserinnen und Leser!

In den nächsten Wochen möchte ich Sie gedanklich mit hineinnehmen in mein Projekt ‚Götzen – Gerechtigkeit – Märtyrer / Von der unterdrückten Wahrheit’.
Es kommt mir vor wie mein intensivstes Gedankenprojekt. Dies liegt sicher darin begründet, dass es noch nicht abgeschlossen ist und sich täglich weiterentwickelt, aber womöglich auch an den Verbindungen zu aktuellen Tagesbezügen und den Leidenspunkten innerhalb meiner eigenen Biographie.
Gemäß der Lesegewohnheit bei den bisherigen Meditationsbriefen werden jeweils kleinere Abschnitte veröffentlicht.

Udo Manshausen

Meditationsbrief

Einführung

Das Lebenszeugnis und die Gedankenwelt der Personen, die hier zur Sprache kommen sollen, ermöglichen uns durch ihren barmherzigen Einsatz für die Mitmenschen sowie durch ihre göttlich inspirierten Gedankenströme eine existenzielle Betrachtung der menschlichen Unterdrückung zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten der Welt. Es wird in diesem Projekt festgehalten, wie diese ‚unliebsamen Geister’ ihres Lebens durch die Mächtigen beraubt wurden.

Gleichsam kann der tragische Tod dieser engagierten Menschen eine kritische Anfrage an uns selbst sein: Weichen wir einem naheliegenden Kampf für eine barmherzige Gerechtigkeit womöglich deswegen oftmals aus, weil wir unsere eigene komfortable Situation nicht gefährden wollen?

Für die Christen gilt es außerdem zu entscheiden, ob sie sich wie Jesus von Nazareth nur zum Gebet zurückziehen oder ob die an Gott Glaubenden wie Jesus ihr Leben für den Mitmenschen bis an die menschlichen Grenzen einsetzen möchten. Ohne den Einsatz für den Menschen bleiben die Gottesdienste lediglich Folklore.

In einem ersten Aufmerken wird der Frage nachgegangen, warum diese Menschen sterben mussten, die sich für die Gerechtigkeit im Sinne Gottes eingesetzt haben.

Wenn jemand aufgrund seiner Überzeugungen beseitigt wird, geht es um weit mehr als nur um Meinungsverschiedenheiten. Märtyrer stellen den Lebensvollzug des Einzelnen und in besonderer Weise der Führenden in ihrer Seinstiefe kritisch infrage, indem sie deren oberflächlichen Werte oftmals als seelenlose Götzen entlarven, von denen fehlgeleitete soziale Gefüge und Gruppen beseelt sind, indem sie diese verherrlichen und ihnen huldigen als wären diese Gott.

Je höher die Akzeptanz für die materiellen Güter und das Sklaventum moderner Prägung ist, desto größer ist die Gefahr für diejenigen, die diese seelenlose unmenschliche ‚Falschheit’ aufdecken, die Ausdruck übler Ungerechtigkeiten ist.

Als erstes Zeugnis für den Einsatz des eigenen Lebens im Glauben wird das Handeln des Jesuiten Ignacio Ellacuría in El Salvador beschrieben. Er nahm das Vorbild Jesu ernst, indem er sich wie er für die Armen und Unterdrückten einsetzte. Ellacuría brachte vor allem den Menschen das Handeln Jesu für die Armen nahe. Genau an dieser Schnittstelle zwischen dem leidenden Menschen und dem barmherzigen Gott liegt für ihn die Zuversicht für die Menschen, die eine Befreiung ermöglichen kann. Gerade dieser Geist wurde in der Bevölkerung mit tödlichen Waffen bekämpft, denen auch Ellacuría zum Opfer fiel.

Die französische Ordensfrau Alice Domon folgte ihrer Berufung und ging in die Missionsarbeit nach Argentinien. Zunächst lebte sie in einem Armenviertel in Buenos Aires und später teilte sie ihr Leben mit den Landarbeitern. Sie verwirklichte für sich das Ziel, ganz wie die Ärmsten der Armen zu leben. Dabei unterstütze sie den Lebensalltag der Menschen in ihrer Umgebung, indem sie einsprang, wo Hilfe notwendig war. Da die Ordensleute in Argentinien unter dem Militärregime einen gewissen Schutz hatten, kappte sie später alle rechtlichen Bindungen zu ihrer Kongregation, um sich gänzlich mit den Armen zu solidarisieren. Als sie sich den Müttern „Madres de Plaza de Mayo“ anschloss, die in Form einer Protestbewegung das Militärregime unaufhörlich nach ihren verschwundenen Kindern fragte, wurde sie entführt, gefoltert und mit einem Flugzeug über dem Meer abgeworfen.

Die französische Mystikerin Marguerite Porete erlebte ihre ganz persönlichen Gotteserfahrungen als seelische Befreiung von den von der Kirche aufgestellten Bedingungen im Hinblick auf eine Begegnung mit Gott. Sie erkannte und erlebte ganz tief im Inneren ihrer Seele, dass es keiner kirchlichen Regeln und Dogmen bedarf, um in der Sphäre der Liebe Gott zu begegnen und mit ihm gleichsam zu verschmelzen. Es hat sich bis in die heutige Zeit bewahrheitet, dass die kirchlichen Vertreter nur Erfahrungen mit Gott dulden, die in ihr institutionelles System hineinpassen. Um Gott erleben zu können, bedarf es jedoch keiner kirchlichen Norm, da Gott auf unendliche Weise erfahrbar ist. Den Weg der menschlichen Befreiung von allen Tugendwerken und letztlich auch von der Gnade Gottes beschreibt sie in ihrem Werk ‚Der Spiegel der einfachen Seelen’ auf glaubwürdige Weise. Sie wurde durch die ‚Heilige Inquisition’ zum Tode verurteilt und zusammen mit ihrem Werk in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt.



Die Fortführung der Einleitung erfolgt in kursiver Schriftform.

 

Teil 22

Die zunichtegewordene Seele entlässt die Tugenden
und steht nicht mehr unter deren Herrschaft*

Die aus Sicht der Inquisition zu verurteilenden Ansichten von Marguerite Porete werden im Rahmen des Inquisitionsverfahrens aus dem Gedankenzusammenhang gerissen und als absolute Aussagen dargestellt.
Marguerite beschreibt beim Aufstieg der Seele zu Gott, bei dem die Seele auf die Liebe Gottes zugeht und immer mehr vom Eigenwillen absieht, dass die Seele auf der letzten Stufe gänzlich im Willen Gottes aufgeht Es ist somit nur allzu verständlich, dass diese Seele von der Notwendigkeit der Tugenden befreit worden ist. Sie haben die Seele zwar zur Erlangung dieses Zieles maßgeblich unterstützt, aber in der Gemeinsamkeit mit Gott sind sie nicht mehr erforderlich. Dieser Vorgang ist nicht nur logisch schlüssig, sondern ebenso in der Erfahrung nachvollziehbar. Je mehr sich die Seele Gott annähert, desto intensiver wird sie Gott in seinem Freisein ähnlich, der aus dieser Freiheit heraus das Gute bewirkt.

* vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Marguerite_Porete, v. 9.2.2021.

 

 

Bildnachweis: Urheber: Ion Chiosea, Dateinummer 31529041, Urheberrecht: https://de.123rf.com/photo_31529041_woman-smiling-arms-raised-up-to-blue-sky-celebrating-freedom-positive-human-emotions-face-expression.html.

 

„Wie die Vernunft darüber verwundert ist, dass diese Seele von den Tugenden abgelassen hat, und wie die Tugenden von der Liebe gelobt werden

Die Vernunft: Wie das denn, Liebe?, spricht die Vernunft, die nur die groben Dinge versteht, das Erhabene aber außer Acht lässt. Wie erstaunlich ist nun dies? Diese Seele hat also weder ein Empfinden der Gnade noch ein Verlangen des Geistes, da sie sich eben von den Tugenden verabschiedet hat, die jede Seele, die es will, gut zu leben lehren. Und niemand kann ohne diese Tugenden gerettet werden oder die Vollkommenheit des Lebenswandels erlangen. Denn wer sie hat, der kann nicht getäuscht werden. Sag, ist die Seele, die so redet, nicht etwa völlig von Sinnen?
Die Liebe: Ganz gewiss nicht!, spricht die Liebe. Solche Seelen nämlich haben die Tugenden in reinerer Form als irgendein anderer Mensch, doch sie machen von ihnen keinen Gebrauch. Sie besitzen sie nämlich nicht mehr so, wie sie es gewohnt waren. Und überdies würden sie sich auf diese Weise sehr nach Art der Leibeigenen benehmen, wo sie doch nun für immer frei geworden sind.
Die Vernunft: Aber Liebe, spricht die Vernunft, wann waren sie denn wie Leibeigene?
Die Liebe: Solange sie Euch, Frau Vernunft, gegenüber und ebenso den übrigen Tugenden gegenüber in Liebe und Gehorsam verharrten. Und das hielten sie so lange durch, bis sie frei wurden.
Die Vernunft: Wann denn – so die Vernunft – wurden solche Seelen frei?
Die Liebe: Als die Liebe in ihnen Ihre Wohnstatt nahm. Die Tugenden aber dienen nun dieser Seele ohne zu widersprechen und wie selbstverständlich.
Solche Seelen – so spricht die Liebe –, die auf diese Weise frei geworden sind, haben ohne Zweifel so manchen Tag zu spüren bekommen, was Zwang anrichten kann. Und wenn man sie fragte, was die größte Qual sei, die ein Mensch erleiden kann, dann gäben sie zur Antwort: Eine solche Qual besteht darin, dass man seinen Platz in der Liebe hat und dennoch den Tugenden gehorsam sein muss. Denn den Tugenden hat man abzuleisten, was immer sie von einem verlangen, koste es die Natur einen noch so hohen Preis! Es steht nun fest, dass die Tugenden Ehre, Gut, Herz, Leib und Leben für sich in Anspruch nehmen. Das muss man folgendermaßen verstehen: Die Seelen lassen alle Dinge sein, und dennoch sagen die Tugenden zu diesen Seelen, die ihnen alles gelassen und rein gar nichts für sich zurückbehalten haben, um die Natur zu vertrösten: Nur unter großer Anstrengung wird dem Gerechten Rettung zuteil. Und deshalb spricht eine solche Seele am Ende ihrer Kräfte, die noch den Tugenden dient, dass sie gerne von Furcht geplagt und in der Hölle bis zum Jüngsten Gericht gequält werden wolle, wenn sie nur hernach errettet würde. In einer solchen Zwangslage befinden sich die Seelen, über die die Tugenden ihre Herrschaft ausüben. Die Seelen hingegen, die wir meinen, haben die Tugenden in ihre Schranken verwiesen. Denn solche Seelen tun nichts, was sie tun, um der Tugenden willen. Es verhält sich vielmehr umgekehrt: Die Tugenden tun nun alles, was solche Seelen verlangen, ohne Zwang und ohne zu widersprechen. Solche Seelen sind nämlich die Herrinnen der Tugenden.“*


* Spiegel Porete, Kap. 8, 34-35. Der Satz in fetter Schrift steht in der Inquisitionsakte als verurteilenswert.

 

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22 Märtyrer [585 KB]

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