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VOM GERIPPE DER MACHT

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Vom Gerippe der Macht


 

Foto: Udo Manshausen

 

„Heute ist er gestorben

Heute ist er gestorben,
mit dreiunddreißig Jahren,
ohne Verdienstmedaillen,
ohne Vermögen,
ohne Ansehen.
Nach drei Jahren Wahrheit
schon am Ziel,
schon am Kreuz,
verlassen,
diskriminiert,
kein Sieger,
ein Opfer,
stirbt, wie ein jeder stirbt:
schreiend,
hilflos,
allein,
Jesus, der Freund
der Diskriminierten,
der Kinder und Kranken,
mit einer Botschaft von Gott.“

Martin Gutl


(Martin Gutl (1942-1994; österreichischer Priester u. Buchautor), in: Josef Dirnbeck/Martin Gutl, Ich begann zu beten. Texte für Meditation und Gottesdienst, 2. Aufl., Graz/Wien/Köln 1973, 47)

 

Da sagt jemand: ‚Für mich bist du etwas Besonderes.‘ Ein anderer teilt mit: ‚Ich bin nicht gerade herausragend.‘ Mit voller Überzeugung verkündet einer: ‚Ich bin großartig.‘ – Was zutiefst in Vergessenheit geraten ist: dass wir jenseits aller Über- und Unterordnung ‚einmalig‘ sind.
Ein Chef betritt das Büro und erinnert seine Assistentin an seinen Kaffee, der nicht wie gewohnt auf seinem Schreibtisch steht. Er hat sich vorgenommen, heute jemanden zu entlassen, weil er ihm nicht ‚passt‘ – Hauptsache ‚weg‘. Zu Hause angekommen, wird der ‚Chef‘ von seiner Frau ermahnt: Er habe heute Morgen vergessen, den Müll herauszubringen, und nunmehr warte die volle Spülmaschine auf seinen Einsatz. Völlig unerwartet ereilt ihn eine schwere Erkältung – ‚unglaublich‘.
Führen wir uns zudem den menschlichen Wahnsinn vor Augen, der mit der folgenden Beschreibung zum Ausdruck kommt: Da tragen menschliche Wesen eine Uniform, stellen sich in Reih und Glied auf, und zwei Staatspräsidenten laufen auf einem roten Teppich an ihnen vorbei – also Menschen gehen an Menschen vorbei und fühlen sich geehrt. Im Rahmen einer Beerdigung könnte man wohlwollender über ein solches Spalier für den Toten nachdenken.
Systeme entfremden den Menschen vom Menschsein, da sie helfen vorzugaukeln, der eine oder andere sei ‚mehr‘ – besser, bedeutender, … – Mensch, so als würde eine bestimmte Art von Menschen nur selten sterben können. Und in kirchlichen Systemen werden sogar die Hände eines Oberen geküsst, und es wird gedacht, sie seien ‚ehrwürdig‘ – doch allesamt sind es einfach ‚nur‘ Menschen.
In der Erzählung ‚Menippus oder das Todtenorakel‘ (1) des griechischen Autors Lukian schildert dieser, wie Menippus in die Unterwelt geht, um Rat zu suchen; er möchte dort zu einer tiefgründigeren Wahrheit gelangen, die ihm die ‚obere Welt‘ derzeit nicht bieten kann. Mithilfe des weisen Chaldäers Mithrobarzanes betritt er dieses Reich. (2) Dort macht er die folgende Entdeckung: „Allein die einzelnen Todten zu unterscheiden, war so leicht nicht: sie sind sämmtlich nackte Gerippe, die sich alle vollkommen ähnlich sahen. Nur mit Mühe und nach langem Betrachten konnten wir Einzelne erkennen. Sie lagen unscheinbar und ohne alle besondere Kennzeichen auf einem Haufen übereinander, und hatten auch keine Spur mehr von dem, was bei uns zur Schönheit gehört. Aus diesem Haufen übereinanderliegender Skelete also, von denen eines so furchtbar wie das andere die leeren Augenhöhlen wies und mit den unbedeckten Zähnen mich angrinste, war ich sehr in Verlegenheit, wie ich den Thersites und den schönen Nireus, den Bettler Irus und den Phäaken-König, den Koch Pyrrhias und Agamemnon (3) herausfinden sollte. Da war auch kein einziges der alten Merkmahle mehr an ihnen zu sehen; Alle ohne Unterschied waren unkenntliche, charakterlose Knochengestalten.“ (4)

„Du, meine Seele, singe,
wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge
zu Dienst und Willen stehn …

… Ach, ich bin viel zu wenig,
zu rühmen seinen Ruhm;
der Herr allein ist König,
ich eine welke Blum …“ (5)



U*D*O*-*M*A*N*S*H*A*U*S*E*N

1) Lukian von Samosata (120-180, griechischer Satiriker der Antike), Lucian’s Werke: Menippus oder das Todtenorakel (286-305), übers. von August Friedrich Pauly, in: Lucian’s Werke, 3. Bändchen, Stuttgart 1827, 299. Lukian verwendet Menippos von Gadara (3. Jh. v. Chr.), einen kynischen Philosophen, als literarische Figur.
2) Vgl. ebd. Kap. 6, 291-293; https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433081621272&seq=291 , aufgerufen am 22.7.2026.
3) Thersites (hässliche u. demagogische Gestalt a. d. griech. Mythologie); Nireus (König von Syme, von schöner Gestalt, a. d. griech. Mythologie); Bettler Irus (von großer, kräftiger Gestalt und feige); Phäaken (Volk in der griech. Mythologie); Koch Pyrrhias (eher unbedeutende Figur a. d. altgriech. Komödie); Agamemnon (Anführer i. d. griech. Mythologie). Da diese Personen nur in der Überlieferung „greifbar“ sind, ist das über sie Berichtete in der Unterwelt sodann gänzlich nicht mehr nachvollziehbar.
4) Lucian’s Werke, ebd., Kap. 15, 299; https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=nyp.33433081621272&seq=299
5) Martin Gutl (1942-1994; österreichischer Priester u. Buchautor), in: Josef Dirnbeck/Martin Gutl, Ich begann zu beten. Texte für Meditation und Gottesdienst, 2. Aufl., Graz/Wien/Köln 1973, 47.


















 

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